Carl Rogers und der personenzentrierte Ansatz

Vorwort

Carl Rogers: “Was meine ich mit einem personenzentrierten Ansatz? Dies ist das zentrale Thema meines ganzen Berufslebens, ein Thema, das durch Erfahrung, Interaktion mit anderen und Forschungen einen allmählichen Klärungsprozess erfahren hat. Ich lächle, wenn ich an die verschiedenen Etiketten denke, mit denen ich dieses Thema im Laufe meines Berufsweges versehen habe: nichtdirektive Beratung, klientenzentrierte Therapie, Schülerzentrierter Unterricht, gruppenzentrierte Führung. Da die Anwendungsgebiete an Zahl und Vielfalt zugenommen haben, erscheint mir jetzt die Bezeichnung „personenzentrierter Ansatz“ am aussagekräftigsten.

Die zentrale Hypothese dieses Ansatzes lässt sich kurz zusammenfassen. … Das Individuum verfügt potentiell über unerhörte Möglichkeiten, um sich selbst zu begreifen und seine Selbstkonzepte, seine Grundeinstellungen und sein selbstgesteuertes Verhalten zu verändern; dieses Potential kann erschlossen werden, wenn es gelingt, ein klar definierbares Klima förderlicher psychologischer Einstellungen herzustellen.

(Rogers, Carl R. (1980): Der neue Mensch. Stuttgart (Klett-Cotta). S. 66 – 68 (Hervorhebungen von mir, C. S.)

Empathie

= Einfühlungsvermögen.

Eine helfende Person versteht einfühlend und nicht-wertend die innere Welt eines anderen und lässt ihn das erfahren

Das zeigt der Therapeut dadurch, dass er aktiv am Gespräch teilnimmt und die Gefühle, die er wahrnimmt, verbalisiert. Es ist aber auch eine Grundhaltung oder Fähigkeit. Man muss auch Gefühle wahrnehmen können, um sie verbalisieren zu können.

Carl Rogers: “das einfühlsame Verstehen. Das bedeutet, dass der Therapeut genau die Gefühle und persönlichen Bedeutungen spürt, die der Klient erlebt, und dass er dieses Verstehen dem Klienten mitteilt. Unter optimalen Umständen ist der Therapeut so sehr in der privaten Welt des anderen drinnen, dass er oder sie nicht nur die Bedeutungen klären kann, deren sich der Patient bewusst ist, sondern auch jene knapp unterhalb der Bewusstseinsschwelle. Diese Art des sensiblen, aktiven Zuhörens ist äußerst selten in unserem Leben. Wir glauben zuzuhören, aber es geschieht sehr selten mit wirklichem Verständnis und echter Einfühlung. Dennoch ist diese ganz besondere Art des Zuhörens eine der mächtigsten Kräfte der Veränderung, die ich kenne.“2

Akzeptanz:

Jeder Mensch ist so, wie er nun einmal ist. Und wird auch genau so angenommen, ohne Deutung, ohne jede Form der Bewertung. Da Rogers als Humanist ein eher positives Menschenbild hat, kann man das auch mit einer Wertschätzung verwechseln, ist es aber nicht. Es ist eher so, dass Menschen es verdient haben, so wie sie sind akzeptiert zu werden, weil sie Menschen sind und jeder Mensch einen Wert hat, also wertvoll ist.

Carl Rogers: Ich bin in vielerlei Hinsicht leichtgläubig und akzeptiere meinen Klienten als den, der er zu sein behauptet, ohne hintergründig zu argwöhnen, dass er vielleicht anders sein könnte. Ich akzeptiere das, was in meinem Klienten ist, nicht das, was in ihm sein sollte. Einer hat es einmal so ausgedrückt: „Hier bei Ihnen kann ich immer einfach ich selbst sein. Ich mache mir nie Gedanken darüber, ob ich mich richtig verhalte. Und wenn ich von hier fortgehe, fühle ich mich immer sehr viel kreativer – und dieses Gefühl dauert hinterher an.“1

Wertschätzung:

Sie ist keine Einteilung in gut und böse, oder schlecht und gut. Wertschätzung bedeutet: Du hast einen Wert! Ähnlich, wie: Dieser Goldbarren ist 1000€ wert. Du bist wertvoll bedeutet nicht, du bist gut. Es bedeutet: Du hast einen Wert für andere. Es bedeutet auch: Den Wert in einem Menschen zu sehen, also seine Fähigkeiten, seine für andere Menschen wichtigen Eigenschaften, etc. „Das Gute in jemandem sehen“ sagen wir zwar manchmal auch, aber das ist missverständlich, weil hier nicht das Gute als Gegenteil von Böse oder Schlechte gemeint ist, sondern das Gute als das, was etwas von Wert ist.

Carl Rogers: „Eine weitere Beobachtung, die ich kurz erwähnen möchte, ist etwas, worauf ich nicht stolz bin; es scheint aber eine Tatsache zu sein. Wenn man mich nicht schätzt und würdigt, fühle ich mich nicht nur sehr reduziert, sondern meine Gefühle beeinträchtigen tatsächlich auch mein Verhalten. Wenn man mich schätzt, blühe ich auf und entfalte mich zu einem interessanten Individuum. In einer feindseligen oder unempfänglichen Gruppe bin ich in keiner Hinsicht bemerkenswert. Die Leute fragen sich mit gutem Grund, woher hat er bloß sein Renommee? Ich wünschte, ich hätte die Kraft, in jeder der beiden Umgebungen ähnlich zu sein, aber faktisch bin ich in einer aufgeschlossenen und interessierten Gruppe ein ganz anderer Mensch als in einem feindlichen und abweisenden Milieu.

Jemanden zu schätzen oder zu lieben und geschätzt oder geliebt zu werden, wird somit als sehr wachstumsfördernd erlebt. Ein Mensch, der auf nicht besitzergreifende Weise geschätzt und geliebt wird, blüht auf und entwickelt sein eigenes einzigartiges Selbst. Und der Mensch, der nicht besitzergreifend liebt, wird selbst bereichert. Dies ist zumindest meine Erfahrung.“2

Kongruenz:

Kann man mit Ehrlichkeit übersetzen, z.B. im therapeutischen Gespräch. Prinzipiell bedeutet es, dass meine Handlungen und Äußerungen mit mir, bzw. meinem Denken und Fühlen kongruent = übereinstimmend sind.

Carl Rogers: “Echtheit, Unverfälschtheit oder Kongruenz […]. Je mehr der Therapeut in der Beziehung er selbst ist, das heißt, kein professionelles Gehabe und keine persönliche Fassade zur Schau trägt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Klient äußern und auf konstruktive Weise wachsen wird. Das bedeutet, dass der Therapeut offen die Gefühle und Einstellungen darbietet, die ihn im Augenblick bewegen. Der Begriff der Transparenz wird diesem Sachverhalt gerecht Der Therapeut macht sich gegenüber dem Klienten transparent; der Klient kann ohne weiteres sehen, was der Therapeut in der Beziehung ist; der Klient erlebt kein Zurückhalten seitens des Therapeuten. Was den Therapeuten betrifft, so ist das, was er oder sie erlebt, dem Bewusstsein zugänglich, kann in der Beziehung gelebt und, falls angebracht, kommuniziert werden. Es besteht also eine genaue Übereinstimmung oder Kongruenz zwischen dem körperlichen Empfinden, dem Gewahrsein und den Äußerungen gegenüber dem Klienten.2

Drei „Arten“ der Kongruenz

Nach Carl Rogers kann man drei „Arten“ der Kongruenz unterscheiden:

  • Kongruenz von Selbst und Erfahrung3 (von innerem Erleben und Bewusstsein) = „Kongruenz nach Innen I”, „Ehrlichkeit zu mir selbst“, sowie
  • Kongruenz von Ideal-Selbst und Erfahrung4 (von innerem Erleben und verinnerlichten Normen) = „Kongruenz nach Innen II”, sowie
  • Kongruenz von Selbst (Bewusstsein) und Kommunikation (Verhalten) = „Kongruenz nach Außen”, „Ehrlichkeit gegenüber dem Mitmenschen“.

Missverständnisse

Dieses Konzept könnte leicht missverstanden werden. Es besagt gewiss nicht, dass der Therapeut den Klienten mit all seinen Problemen oder Empfindungen belasten soll. Oder dass er mit jeder Regung, die ihm durch den Sinn geht, unbeherrscht herausplatzen soll. Aber er soll die Gefühle, die er erlebt, nicht vor sich selbst verleugnen und Gefühle, die in der Beziehung permanent wieder auftauchen, akzeptieren und auch äußern. Er soll der Versuchung widerstehen, sich hinter einer professionellen Maske zu verbergen.“ (Carl Rogers)1

Was, wenn ich nicht akzeptieren kann?

Eine Frage, die in diesem Zusammenhang häufig auftaucht, ist folgende: ‚Angenommen, ich empfinde als Therapeut gegenüber meinem Klienten starke Ablehnung?‘ … DITTES wies anhand der psychogalvanischen Hautreaktion … nach, dass die Anzahl abrupter galvanischer Hautreaktionen signifikant anstieg, sobald die Einstellung des Therapeuten auch nur geringfügige Schwankungen in Richtung auf eine weniger akzeptierende Haltung hin aufwies.

Wenn die therapeutische Beziehung als weniger akzeptierend erlebt wird, stellt sich der Organismus sogar auf der physiologischen Ebene auf eine Bedrohung ein. Dies weist darauf hin, dass in einer solchen Beziehung nicht nur eine akzeptierende Haltung, sondern auch die Kongruenz des Therapeuten wichtig ist. Da der Klient diese weniger akzeptierenden Gefühle spürt, sollten sie in der Beziehung offen zur Sprache kommen.

Wenn der Therapeut nicht dazu in der Lage ist, den Klienten zu akzeptieren, ist die therapeutische Behandlung bedroht. Die einzige Möglichkeit, dieses Problem zu bewältigen, besteht dann, dass er dem Klienten seine Reaktionen mitteilt. Indem er diese wertenden Gefühle (die der Klient vermutlich spürt) zugibt, können beide gemeinsam an dem Problem arbeiten und den therapeutischen Prozess unter Umständen wieder wirksam werden lassen und vielleicht sogar steigern.

Bei allzu häufig auftretenden urteilenden Reaktionen des Therapeuten kann die Wirksamkeit des therapeutischen Prozesses verlorengehen.“6

Aktives Zuhören:

Der Zuhörer ist aufmerksam und zeigt dies auch. Dies kann z.B. in einen gelegentlichen „aha“ „Hmm“ oder auch durch das häufige Verbalisieren des Gesagten geschehen. Ein Gesprächstherapeut gibt ständig Rückmeldung. Er wartet nicht, bis der Klient eine halbe Stunde geredet hat oder lehnt sich zurück und lässt jemanden einfach so lange reden, bis er fertig ist. Eine Gesprächstherapie ist eine echtes Gespräch mit konstanten Interaktionen (wodurch – systemisch gesprochen – eine strukturelle Koppelung entsteht und somit ein soziales System)

Paraphrasieren:

Der Therapeut (sorry, aber ich nehme immer die männliche Form) gibt wieder, was er verstanden hat. Er wiederholt nicht einfach die Worte des Klienten.

Selbstexploration

= Selbsterkundung. Durch das Wiedergeben dessen, was der Therapeut verstanden hat, bekommt der Klient mit, wie er selbst ist und kann sich dadurch selbst erkennen – also selbst explorieren. Manche nennen das, was der Therapeut macht auch „spiegeln“, da sich der Klient quasi selbst im Spiegel wiedersieht, sich näher betrachtet und erforscht. Der Therapeut kann das Gesagte nicht einfach widerspiegeln (was theoretisch auch ginge), da sich viele dann nicht verstanden fühlen und das Gefühl haben, dass der Therapeut nur papageienhaft wiederholt.

Aktualisierungstendenz

Die Aktualisierungstendenz ist eine TENDENZ, deshalb heißt die so, kein Streben. Es ist ein Prozess, der immer abläuft, nur manchmal nicht funktioniert. Er läuft automatisch ab, wir können ihn nicht steuern. Um etwas aktualisieren zu können, muss man wissen, wie, nur das wissen wir manchmal einfach nicht. Wenn wir keinen Zugang zu unserem Erleben finden, können wir es auch nicht mit unserem Selbstkonzept abgleichen.

Selbstverwirklichung

Die Selbstverwirklichung ist die Annahme, dass wir alle danach streben, unsere Fähigkeiten voll zu entfalten und uns weiter zu entwickeln. Damit dies möglich ist, müssen wir neue Erfahrungen und Erkenntnisse integrieren – und das geschieht eher im Aktualisierungsprozess. Er möchte Unstimmigkeiten beseitigen, weil wir uns nur dann richtig entfalten und selbstverwirklichen können.

Das organismische Erleben

Das organismische Erleben erfahren wir, wenn wir uns wegen etwas unwohl fühlen, das wir getan haben, vor etwas “Schiss” oder Bauchweh haben. Dieses Unwohlfühlen versucht man in der Therapie zu benennen um es dann verarbeiten zu können, oder, anders ausgedrückt, damit unsere Aktualisierungstendenz es mit unserem Selbstkonzept abstimmen kann.

Das organismische Bewerten

Das organismische Bewerten ist identisch mit dem Erleben. Fühlen wir uns bei einer Tat unwohl, so ist dies die „negative Bewertung“; Fühlen wir uns bei einer Handlung wohl (oder spüren wir nichts), so ist dieses Wohlfühlen/Nichts-Fühlen die positive Bewertung.

Der Therapeut macht keinerlei Vorschläge!

Der Therapeut gibt nur wieder, was er versteht, was der Klient äußert. Das ist sehr anstrengend, viel mehr als Ratschläge zu geben. Er ermutigt zu nichts und rät auch von nichts ab – es sei denn, sein Gewissen rät ihm dazu (Kongruenz). Es kann sein, dass er Vorschläge macht, doch sollten dies wirklich nur Möglichkeiten sein und keine Ratschläge. Nicht der Therapeut weiß alles besser, sondern der Klient!

Bei einer Systemischen Therapie würde das bedeuten: Er gibt nur das in das System zurück, was er daraus empfängt. Er akzeptiert die Selbstorganisation völlig und unterstützt sie sogar, indem er nichts Neues bringt, keine neuen Infos in das System trägt, sondern dieses auf sich selbst zurückwirft und auf die Selbstorganisation (= Selbstaktualisierung) vertraut, bzw. darauf vertraut, dass das System nach Stabilität strebt. Soziale Systeme haben keine Selbstverwirklichung, aber eine Selbstaktualisierung.

Zusammenhänge

Das Selbst und das Erleben

Akzeptanz, Empathie, Kongruenz & Aktualisierungstendenz

Erlebt ein Mensch Akzeptanz, Empathie und Kongruenz,
kann die Aktualisierungstendenz ohne Probleme
ablaufen, neue Erlebnisse, Erfahrungen werden
aufgenommen, verarbeitet und integriert.

Fußnoten

1 Rogers, Carl R. (1983): Therapeut und Klient. Frankfurt/Main (Fischer)., S. 154 – 155

2 Rogers 1980, S. 32/33

3Rogers, Carl R. (1987): Eine Theorie der Psychotherapie, der Persönlichkeit und der zwischenmenschlichen Beziehungen. Köln (GwG), S. 32

4Ebd.

5Rogers, Carl R. (1983): Therapeut und Klient. Frankfurt/Main (Fischer). S. 30 – 32

6 Rogers 1983, S. 155 – 156

Literaturangaben

Buchquellen

Rogers, Carl R. (1980): Der neue Mensch. Stuttgart (Klett-Cotta)

Rogers, Carl R. (1983): Therapeut und Klient. Frankfurt/Main (Fischer)

Rogers, Carl R. (1987): Eine Theorie der Psychotherapie, der Persönlichkeit und der zwischenmenschlichen Beziehungen. Köln (GwG)

Abbildungen

Alle Abbildungen: © Christina Schieferdecker

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