Das Problem Gemeinschaftsschule

Die Pläne zur Abschaffung der Hauptschule sah ich immer sehr kritisch.Doch inzwischen hatte ich viele Schülerinnen und Schüler, die diese Schule besuchen, und bin positiv überrascht.

Doch dann der Schock:

Unser Kultusministerium hat in den vergangenen Jahren das Abitur überarbeitet und die 3 verschiedenen Abiture (berufliches und allgemeines Gymnasium, Berufskolleg) aneinander angeglichen. Das hat prima funktioniert, auch wenn manche Buchverlage (Klett) hier etwas Probleme hatten bei der Entwicklung mitzuhalten.

Ich dachte, dass nun Ähnliches mit den mittleren Schulabschlüssen geschehen würde. Auch davon haben wir mindestens 3 (Berufsfachschule, Werkrealschule und Realschule). Doch dazu hatte man – offensichtlich – einfach keine Lust mehr. Bedenkt man, dass die CDU, die ja aktuell mit den Grünen regiert, eine Gegnerin von Reformen ist, könnte darin der Grund liegen, ich weiß es aber nicht. Zumindest ist sie eine Gegnerin der Gemeinschaftsschule und schreibt dies auch auf ihrer Website (siehe Bild).

„Zeit der ideologischen Experimente ist jetzt vorbei! … Ausschließlich Leistung ist der Schlüssel zum Erfolg.“ So heißt es bei ihnen. Und das bekommen nun die Schüler und Schülerinnen der Gemeinschaftsschule zu spüren. Es gibt kein vernünftiges Lehrwerk an Schulen und auf den Schulabschluss nach der 10 Klasse werden sie auch nur teilweise vorbereitet. So fehlt den Schüler und Schülerinnen der Gemeinschaftsschule nach Klasse 9 etwa 50% des Stoffes, der in Klasse 10 für die Prüfung relevant ist. Diesen sollen sie, zusammen mit dem Stoff der Klasse 10 bis etwa März, also in etwa 5 Monaten (Ferien abgezogen) aufholen. „Leistung ist der Schlüssel zum Erfolg“, kann man da nur zynisch die CDU zitieren.

Wenn sie so sehr gegen neue Bildungskonzepte ist, hätte man ja ein Jahr aussetzen können und nächstes Schuljahr nochmals den „alten“ Werkrealschulabschluss beibehalten können. Dann hätten die Verlage zeit gehabt vernünftige Bücher herauszugeben und die Koalition hätte sich vielleicht auf ein vernünftiges Konzept geeinigt. Doch so: Wie immer haben es die zu schultern, die auf die ehemalige Hauptschule gehen. Die Schülerinnen und Schüler mit den schlechtesten Berufsaussichten – um das auch einmal offen auszusprechen – und deren Eltern im Schnitt nicht gerade zu den Gutsverdienern zählen.

Und was schreiben die Grünen auf ihrer Website? Nichts Substantielles, außer einer Pressemitteilung, die genauso zynisch wirkt: Das heißt es:

„Leistungsstark und gerecht“

Bild rechte verweist auf einen Ausschnitt aus der CDU-nahen Frankfurter Allgemeine, welche wiederum eine Studie des Deutschen Instituts der Wirtschaft (ebenfalls CDU/FDP-nah) veröffentlicht. Man muss nicht links sein, um das Problem zu sehen (die Original-Studie, finden Sie übrigens hier).

Doch so richtig neu ist das ja nicht: Auch die PISA-Studien haben schon mehrfach auf dieses Problem hingewiesen und aktuell (2016) auch das statistische Bundesamt (hier). Doch wird auch gehandelt? Ich kann es beim besten Willen nicht sehen.

Man kann den Kopf schütteln oder etwas tun – wir tun etwas, wir haben die Schulen und das Kultusministerium angeschrieben. Hier der Wortlaut unseres Briefes:

Sehr geehrte Damen und Herren,

laut mir vorliegenden Informationen sollen die Schülerinnen und Schüler der Gemeinschaftsschule die selben Prüfungen zur Mittleren Reife machen, wie die Schülerinnen und Schüler der Realschule. Ist dies korrekt?

„An der Gemeinschaftsschule werden dieselben Abschlussprüfungen wie an den anderen allgemein bildenden Schulen durchgeführt.“
(https://www.km-bw.de/Gemeinschaftsschule)

Der Stoff der Klasse 9 der Gemeinschaftsschule entspricht nicht dem der Klasse 9 der Realschule in Mathematik (z.B. fehlt Zinseszins, lineare Funktionen, quadratische Gleichungen, etc.), er ist weit hinter dem der Realschulen zurück.
Die Schulbücher sind, in den mir bekannten Gemeinschaftsschulen, entweder alte Hauptschulbücher oder Bücher aus Niedersachsen. Also Schulbücher, die nicht dem aktuellen Lehrplan folgen.

Laut dem Bildungsplan für Sekundarstufe 1, der ab 2016/2017 gelten soll, müssten eigentlich die Schülerinnen und Schüler beider Schulen dem gleichen gemeinsamen Bildungsplan unterliegen. Tun sie aber in der Praxis nicht, auch die Lehrer an den Schulen scheinen dies nicht zu berücksichtigen. So kann man auf der Seite des Kultusministeriums (http://www.bildungsplaene-bw.de/,Lde/LS/BP2016BW/ALLG/SEK1/M) nachlesen, welche Fähigkeiten in Klasse 9 erwartet werden und es sind nicht die, die in Klasse 9 vermittelt werden.

Außerdem haben viele Gemeinschaftsschüler und -schülerinnen den Taschenrechner TI30eco, der weniger kann, als der Taschenrechner, den ich vor etwa 30 Jahren in der Schule hatte. Er ist bestenfalls zum Taschenrechner-Weitwurf geeignet. Andere haben einen Sharp EL-531XG, der zwar deutlich besser ist, aber gleichfalls nicht den Anforderungen an einen WTR für die Realschulprüfung entspricht. Hier (https://www.km-bw.de/,Lde/Startseite/Schule/Pruefungen+an+der+GMS) wird ein Taschenrechner verlangt

„der über die folgenden Funktionen verfügt:
• Rechnen mit Brüchen (insbesondere Kürzen), Vereinfachen von Wurzeltermen durch teilweises Radizieren, Erzeugen einer Wertetabelle zu einer Funktion
• Berechnen von n!, Binomialkoeffizienten, Mittelwerten und Standardabweichungen einer Grundgesamtheit, Berechnen einzelner und kumulierter Wahrscheinlichkeiten, insbesondere von Binomial- und Normalverteilung“

Über diese Funktionen verfügen oben genannte Taschenrechner nicht.
Die Schülerinnen und Schüler der Gemeinschaftsschule, die nächstes Jahr die Realschulabschlussprüfung machen sollen, müssen einen WTR, wie vom Kultusministerium gefordert, haben, ansonsten sind sie massiv benachteiligt gegenüber den Schülerinnen und Schülern der Realschule. Bislang wird ihnen das verweigert – warum, ist mir jedoch schleierhaft.

Ich denke, die Schülerinnen und Schüler der Gemeinschaftsschule sind bereits genügend benachteiligt durch das schlechte Lehrwerk in Mathematik und den stofflichen Rückstand, den sie noch aufholen müssen. Sie sollten zumindest einen vernünftigen Taschenrechner besitzen – und eine GUTE Formelsammlung, nicht zu vergessen.

Nochmals meine Fragen als Zusammenfassung:

  1. Ist es korrekt, dass die Schülerinnen und Schüler von Realschule und Gemeinschaftsschule
    a) die selben Abschlussprüfungen
    b) am selben Tag
    machen?
  2. Wann bekommen die Schülerinnen und Schüler der Gemeinschaftsschule den selben WTR wie die Realschüler (oder einen besseren), der die Kriterien des Kultusministeriums erfüllt?
  3. Warum wird der Bildungsplan 2016 noch nicht umgesetzt, bzw. warum weicht der Stoff der Klasse 9 der Gemeinschaftsschule derart vom Stoff der Realschule ab?

 

Mit freundlichen Grüßen

Christina Schieferdecker

 

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