Lernmythen

Vorwort

„Muss ich das lernen?“

Lernen wird meist mit Arbeit verbunden, mit etwas Unangenehmen, vor allem für Schülerinnen und Schüler. Aber auch viele ältere Menschen wollen nicht mehr lernen. Dabei ist Lernen das Natürlichste der Welt. Wir lernen ständig, wir müssen ständig lernen. Es gibt immer wieder Veränderungen in unserem Leben: Ein neues Handy, die Verlegung einer Bushaltestelle, neue Menschen, etc. Könnten wir nicht lernen, könnten wir uns nicht an Veränderungen „anpassen“, bzw. auf diese einstellen und vernünftig mit ihnen umgehen. Würden wir das nicht mehr tun, wären wir verloren, im wahrsten Sinne. Wir würden uns in einer sich ständig verändernden Welt nicht mehr zurechtfinden.

Lernen ist also ganz einfach. Jeder Mensch, der nicht völlig verwirrt durch die Welt rennt, kann das – sogar sehr gut. Und dennoch glauben wir oft, etwas nicht lernen zu können. Woran liegt das?

Die häufigste Ursache ist wohl unser Nicht-Wahrhaben-Wollen. Wenn man Menschen sagt, wie sie etwas am besten lernen, ignorieren sie das meist und machen ihren „Stiefel“. Menschen wollen häufig ihren Trott gehen, nach dem Motto: Trott, Trott, Trott, Trottel. Veränderungen sind ihnen zu wieder, vor allem wenn es darum geht, ihr Verhalten und ihre Weltanschauung zu ändern. Es scheint den meisten leichter zu fallen anzunehmen, dass sie selbst etwas nicht lernen können, als anzunehmen, dass ihre Art des Lernens das Problem ist. „Ich handle so, also bin ich so!“ scheinen sie zu denken. Sie übernehmen die Außensicht. Meine Mitmenschen können mich nur nach meinen Handlungen beurteilen. Sinnvoller wäre es jedoch zu erkennen, dass ich mein Handeln bestimme und es deshalb ändern kann. Mein Handeln, das, was ich tue, das bin nicht ich, das sind nur meine Handlungen, die ich deshalb so vollziehe, weil ich annehme, es so richtig und gut zu machen. Diese Annahmen wiederum beruhen nicht so sehr auf mein Sein, also darauf, wie ich bin, sondern vor allem auf die mir vorliegenden Informationen. Ob ich alle wichtigen Informationen habe, um korrekt und sinnvoll zu handeln, kann ich nicht wissen. Das Ergebnis erst zeigt mir, ob die Informationen genügten.

Wenn etwas nicht klappt, dann häufig deshalb, weil mir zu wenige Informationen vorlagen oder ich Informationen falsch bewertete, wiederum auf Grund anderer Informationen – nicht, weil ich nicht lernen kann oder dumm bin.

Mythos Intelligenz und Begabung

Falsch: Die meisten Menschen sind entweder sprachlich oder mathematisch begabt11.

Menschen unterscheiden sich insbesondere in ihrer allgemeinen kognitiven Leistungsfähigkeit. Sie ist eine Ressource, die zugleich für sprachliche wie für mathematische Problemstellungen relevant ist. Deshalb ist es wichtig, Kinder in allen Bereichen zu fördern. Nur weil sie mehr Interesse an Mathematik oder eben an Sprachen zeigen, folgt daraus nicht, dass sie in einem der Gebiete mehr Begabung haben. Sogenannte „Inselbegabte“, Menschen, die etwa eine phänomenale mathematische Auffassungsgabe haben, aber wenig Sprachgefühl zeigen, sind die Ausnahme, nicht die Regel.

Mythos 12 Wir nutzen nur zehn Prozent unseres Gehirns.

Nach dieser Annahme wären Menschen umso klüger, je mehr sie ihr gesamtes Hirn ausnutzten. Falsch! Dieser Mythos rührt möglicherweise aus der Fehlinterpretation von Scans mit Magnetresonanztomografie her, bei denen nur Teile des Hirns farbenfroh aufleuchten. Das liegt daran, dass die Aktivität im gesamten Hirn künstlich auf null gesetzt wird, damit nur die besonders aktiven Areale aufscheinen. In Wirklichkeit nutzt das Hirn alle Areale, wenn auch für unterschiedliche Funktionen in unterschiedlichem Maße. Selbst im Schlaf ruhen unsere grauen Zellen nicht.

Mythos 2: Es gibt verschiedene Lerntypen.

Seit Jahrzehnten hält sich die These des deutschen Forschers Frederic Vester, Menschen unterschieden sich in ihrem „Lerntyp“: Je nach Veranlagung nähmen wir am besten über einen Sinneskanal Informationen auf – der visuelle Typ über die Augen, der auditive über die Ohren, der kinästhetische über Bewegung und Berührung. Für diese Annahme gibt es bis heute keine Belege. Weder konnte gezeigt werden, dass eine Person grundsätzlich besser über einen Sinneskanal lernt als über einen anderen, noch, dass ihr Lernerfolg höher wäre, wenn der Unterricht ihrem angenommenen Lerntyp entspricht. Am besten lernen wir, wenn alle Sinneskanäle angesprochen werden.

Mythos 4: Lernerfolg hängt davon ab, welche Hirnhälfte dominiert.

Begabungsunterschiede, meinen viele fälschlicherweise, gingen auf Unterschiede in der Dominanz einer der Hirnhälften zurück. Dahinter verbirgt sich die ebenfalls unrichtige Annahme, die linke Hemisphäre sei für das analytische Denken und die rechte für Kreativität zuständig. Im Angebot sind sogar Koordinationsübungen, um dem angenommenen Ungleichgewicht entgegenzuwirken, damit beide Hirnhälften beim Lernen ganzheitlich miteinander kooperieren. Die gute Nachricht: Das tun die beiden sowieso. Lernen erfolgt normalerweise immer in beiden Hirnhälften.

Fußnoten

1: „: Mythos“, Spiegel Online, 22. August 2017, Abschn. DER SPIEGEL, https://www.spiegel.de/spiegel/spiegelwissen/d-152578239.html.

2: „: Mythos“.

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