Lernschwierigkeiten und Selbstwirksamkeit

Wie schon an anderer Stelle geschrieben, können sie verschiedene Ursachen haben:

  • negative oder traumatische Erfahrungen
  • psychische Probleme (Depressionen, Trauer, Ängste, usw.)
  • mangelndes Selbstvertrauen und Selbstwert
  • Unwohlsein in der Klasse
  • ADS oder ADHS
  • LRS oder Dyskalkulie
  • Fehldiagnosen

Den wichtigsten Faktor für den Lernerfolg, das hat Hättie1 in einer großen Metaanalyse von Untersuchungen an etwa 200.000 Schülerinnen und Schülern gezeigt, ist das Selbstwertgefühl und die Selbstwirksamkeit.

Erstere gibt uns das Gefühl „Okay“ zu sein, die Zweitere sagt uns „Du schaffst das!“. Wer das Gefühl hat, seinen Erfolg in den eigenen Händen zu haben und „es schaffen“ zu können, der hat Erfolg und gute Noten. Wer jedoch von sich selbst denkt, nicht „okay“ zu sein, es nicht zu können, der wird auch nicht besser werden in der Schule.

Das gilt für alle Schülerinnen und Schüler, ohne Ausnahme.

Meine Erfahrungen mit Lernschwierigkeiten sind die, dass wir häufig glauben, wenn unser Kind erst mal eine Diagnose hat, dann wird alles gut – aber das genaue Gegenteil ist leider häufig der Fall. Dies liegt an unserer Sicht von Lernschwierigkeiten, wie LRS oder Dyskalkulie, ADS usw. Es gibt die weit verbreitete Annahme, dies wäre teilweise biologisch bedingt und damit nur schwer änderbar.

Doch das ist falsch.

Jede unserer Fähigkeiten ist teilweise biologisch bedingt. Dass etwas durch unsere Biologie mitbestimmt wird, ist immer so, ohne Ausnahme. Jeder Mensch hat einen einzigartigen Gen-Code und ist dadurch einzigartig in allem, was er kann. Hinzu kommen die Erlebnisse im Laufe unseres Lebens, die uns prägen. Manche Dinge bekommen wir beigebracht, andere nicht.

Alle unsere Fähigkeiten und Unfähigkeiten sind teilweise biologisch bedingt – dennoch sagen wir nicht, wir könnten nichts ändern. Nur bei Menschen mit Lernschwierigkeiten wird dies plötzlich behauptet. Warum? Um mit lang andauernden „Therapien“ viel Geld zu machen.

Im Laufe meines Lebens habe ich tausende von Schülerinnen und Schüler unterrichtet. Als Nachhilfelehrerin, die mehrere Nachhilfeschulen hatte, kamen Kinder und Jugendliche mit jedem Problem zu mir. Mit der Zeit erkannte ich, dass sich jedes Problem bessern lässt, wenn die Menschen anfangen, an sich selbst zu glauben und daran, etwas an ihrer Situation ändern zu können.

Das Schlimmste, das wir anderen antun können, ist ihnen das Gefühl zu geben, hilflos zu sein, einen „Schaden“ zu haben, den man nicht oder nur schwer ändern kann.

Dies führt meist dazu, dass die Menschen sich aufgeben, nicht mehr versuchen, etwas zu ändern. Hilflosigkeit und das Gefühl des Ausgeliefertseins an ein „Schicksal“ stellen sich ein und die Leistungen verschlechtern sich.

Unsere oberste Pflicht als Pädagoginnen und Pädagogen ist es deshalb immer, Menschen das Gefühl zu geben, dass sie großartige Menschen sind und etwas an ihrer Situation ändern können. Dafür unterstützen wir sie. Sie können sich auf uns verlassen. Wir sind das Sicherheitsnetz, wenn sie sich an „gefährliche“ Angst einflößende Aufgaben heranwagen. Wenn sie fallen, fangen wir sie auf.

Wir müssen Menschen Mut machen, etwas zu ändern, dann ändert sich auch etwas.

Das ist Wissenschaft, das ist Psychologie, so nebenbei und keine Scharlatanerie. Das wissen wir aus zahlreichen Untersuchungen – aber dennoch demotivieren wir unsere Mitmenschen immer wieder. Das ist eigentlich ein Verbrechen.

Machen wir den uns anvertrauten Menschen Mut und Hoffnung und unterstützen sie auf ihrem Weg. Ich bin Diplompädagogin und es ist mein Job, dass jeder und jede voran kommt.

Literaturangaben

1John Hattie und Klaus Zierer, Visible Learning: auf den Punkt gebracht (Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren GmbH, 2018).

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